„Was stimmt eigentlich nicht mit mir?“
Diese Frage stellst du dir nicht laut. Aber sie ist da. Morgens, bevor der Tag richtig angefangen hat. Abends, wenn endlich Ruhe sein könnte.
Und sie bringt Verstärkung mit:
Warum kriege ich das nicht in den Griff? Andere schaffen das doch auch.
Ich weiß doch, dass mir eigentlich nichts passiert. Warum reagiert mein Körper trotzdem so?
Was, wenn es wiederkommt? Ausgerechnet dann, wenn es darauf ankommt?
Was, wenn die anderen merken, wie es in mir wirklich aussieht?
Werde ich langsam verrückt?
Und was, wenn das für immer so bleibt?
Nach außen funktionierst du. Du gehst arbeiten, kümmerst dich, erledigst, was erledigt werden muss. Kaum jemand ahnt, wie viel Kraft dich das kostet.
Und am meisten zermürbt dich, dass es zwischendurch gute Phasen gibt. Tage, manchmal Wochen, in denen du denkst, du hättest es endlich geschafft. Bis die Angst zurückkommt, als wäre sie nie weg gewesen.
Mit dir ist alles in Ordnung. Dein Wissen sitzt im Kopf. Deine Angst sitzt ein paar Etagen tiefer, in Erfahrungen, an die dein Verstand gar nicht herankommt.
Genau dort musst du ansetzen.
Ich kenne diese Fragen nur zu gut. Ich habe sie mir selbst jahrelang gestellt.
Ich weiß es noch wie heute: Ich sitze angespannt auf dem Beifahrersitz. Meine Hände umklammern die Kante des Sitzes, als wäre sie mein einziger Halt. Meine Augen suchen unablässig die Straße ab, nach jedem möglichen Fehler: bei anderen Autos, beim Fahrer, selbst bei einem winzigen Stein, der uns ins Schleudern bringen könnte.
In meinem Kopf dreht sich ein endloses Karussell: Was, wenn gleich jemand die Spur wechselt? Was, wenn der Fahrer abgelenkt ist?
Mein ganzer Körper ist angespannt, mein Bauch krampft sich zusammen, mein Atem geht flach. Seit einem schweren Autounfall, den ich als Beifahrer schwer verletzt überlebt hatte, war jede Autofahrt für mich eine Qual. Damals war ich Anfang 30 und es sollte noch Jahre so bleiben.
Dabei war der Unfall nicht der Beginn meiner Ängste. Schon als Kind war ich ängstlich. Während andere Kinder am Wochenende ins Zeltlager oder an den See fuhren, blieb ich lieber zu Hause. Ich mied alles, wo ich die Kontrolle abgeben musste oder von meiner Familie getrennt war, weil ja etwas passieren könnte. Meine Welt wurde immer kleiner.
Irgendwann hatte ich genug. Ich probierte alles, was ich finden konnte: Entspannungshypnosen, Achtsamkeit, Atemübungen, Mindset-Arbeit, unzählige Videos. Ich recherchierte viele Nächte lang. Manches half, aber immer nur kurz. Beim nächsten Stressmoment war die Angst wieder da, so groß wie zuvor.
Und weil meine Ängste schon seit meiner Kindheit ein Teil von mir waren, wurde mir klar: Ich brauche etwas, das an der Wurzel ansetzt.
Der Wendepunkt
Bei meiner Suche stieß ich auf eine noch recht neue Entdeckung aus der Hirnforschung, die sogenannte "Gedächtnis-Rekonsolidierung": Emotionale Erinnerungen sind nicht für immer festgeschrieben, sie können vom Gehirn emotional neu bewertet werden. Kurz darauf sah ich das Video eines amerikanischen Therapeuten, der genau das in der Praxis nutzte.
Das war mein Aha-Moment. Wenn die Angst in alten Erfahrungen wurzelt, dann kann man genau dort ansetzen. Also machte ich eine Hypnoseausbildung, um an diese frühen Erfahrungen heranzukommen.
Dort erlebte ich es zum ersten Mal selbst: In einer einzigen Sitzung löste mein Ausbilder mein kindliches Gefühl von Alleinsein auf. Jetzt wusste ich, wie es konkret geht, und arbeitete meine weiteren Themen selbst auf: den Autounfall und meine Angst vor Kontrollverlust.
Als Erstes spürte ich eine neue Leichtigkeit und Gelassenheit. Und nach und nach stellte sich ein Gefühl von Geborgenheit ein.
Aus diesen Erfahrungen entwickelte ich meine eigene Methode: TNE, die Transformation negativer Emotionen.
Und dann kam der Beweis
Ich sitze frühmorgens um fünf in einem Touristenbus in Chile. Wir fahren auf einer holprigen Straße einen Vulkan hinauf. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, der Bus schaukelt durch Schlaglöcher, und links geht es steil bergab. Für mein früheres Ich wäre das ein Albtraum gewesen.
Diesmal sitze ich entspannt da, lehne mich zurück und schlafe sogar kurz ein. Keine Katastrophenbilder, keine Panik. Nur Ruhe und ein fast kindliches Staunen über die Berglandschaft.